Reliquia bedeutet auf Deutsch „Reliquie“ oder, im übertragenen Sinn, ein kostbares „Andenken“. Im Lied bittet ROSALÍA darum, ein Stück von ihr aufzubewahren, wenn sie nicht mehr da ist: „Seré tu reliquia“.
Das Wort wirkt besonders poetisch, weil es normalerweise einen heiligen oder historisch wertvollen Gegenstand bezeichnet. Hier wird es zu einem Symbol für eine Person, deren Erinnerungen und Spuren wie etwas Unersetzliches bewahrt werden.
In „Reliquia“ erzählt ROSALÍA von einem Leben, das sich über viele Städte verteilt. In Jerez verliert sie ihre Hände, in Rom ihre Augen, in Paris ihre Zunge und in Los Angeles ihre Zeit. Barcelona bringt ihr den „descaro“ bei, also eine freche, selbstbewusste Unbekümmertheit. Die Orte werden zu Stationen, an denen jeweils ein Teil von ihr zurückbleibt: die High Heels in Mailand, das Lächeln im Vereinigten Königreich, die verlorene Freundin in Bangkok und eine schlechte Liebe in Madrid. Besonders schön und direkt ist ihr Geständnis: „Pero mi corazón nunca ha sido mío“ [Aber mein Herz hat nie mir gehört]. Sie gibt ihr Herz immer weg und bittet die andere Person, ein Stück von ihr aufzubewahren, „pa’ cuando no esté“ [für den Fall, dass ich nicht da bin]. Dieses Stück wird zur Reliquie, also zu einem kostbaren Andenken an sie.
Auch die späteren Bilder bleiben überraschend und manchmal herrlich frech: In Mexiko bleibt ein „blunt“, ein gerollter Cannabis-Joint, in Berlin die „mala hostia“, der schlechte Ärger oder die schlechte Laune. In Puerto Rico entsteht ihr Mut, in Buenos Aires der Himmel. In Japan weint sie, und in der „Stadt aus Glas“ schneidet sie sich die Haare ab. Dann fragt sie: „¿la pureza también?“ [Wächst die Reinheit auch wieder nach?] Ihre Antwort ist klar: Die Reinheit ist in ihr und in Marrakesch. Sie sei keine Heilige, aber „blessed“ [gesegnet]. Am Ende wird die Reise zu einer Flucht: Delfine springen in einen scharlachroten, glänzenden Zeitring hinein und wieder heraus. Doch dieser Moment gehört zu einem ewigen, wilden Meer und einem Lied ohne Ausgang und ohne Vergebung. Gerade dieser Sprung von konkreten Städten zu großen, fast traumartigen Bildern macht das Lied so eigenwillig.